Kaffee: Die Ausbeutung hinter der Erfolgsgeschichte

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Kaffee: Die Ausbeutung hinter der Erfolgsgeschichte

von Fairtrade Lëtzebuerg

Als der am meisten gehandelte landwirtschaftliche Rohstoff weltweit ernährt Kaffee etwa 25 Millionen Produzentenfamilien. Die meisten verfügen über weniger als 5 Hektar.

Niedrige Erzeugerpreise für Produzenten, Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernte und fehlende Ressourcen für Investitionen sind die Hauptfaktoren unter denen viele Kaffeebauern leiden. Die warnenden Aufrufe der Produzenten in Afrika und Lateinamerika haben sich in den letzten Jahren vervielfacht.

Seit Ende der achtziger Jahre und dem Wegfall des internationalen Kaffee-Abkommens, welches den Welthandel regulierte, sind die Erzeuger den Preisschwankungen auf den Weltmärkten ausgeliefert. Ihre Einnahmen sinken und sie haben kaum Einfluss auf die Preisgestaltung die von Händlern, großen internationalen Marken und Vertriebsstrukturen bestimmt wird.

Anlässlich der Anwesenheit von zwei kongolesischen Kaffeeproduzenten der SOPACDI-Kooperative, Joachim Munganga und Evelyne Sifa, präsentiert die NGO Fairtrade Lëtzebuerg die Ergebnisse einer von BASIC (Bureau of Societal Analysis for Citizen Information) durchgeführten Studie, in der die Nachhaltigkeit des Kaffeesektors in Frage gestellt wird. Die auf spezifischen Fallstudien (Kolumbien, Äthiopien, Peru) basierte Studie zeigt zudem die Auswirkungen bestehender Alternativen auf, darunter die des fairen Handels und des ökologischen Landbaus. Thematisiert werden aber auch die notwendigen Maßnahmen um die Nachhaltigkeit dieses Sektors zu gewährleisten.

Eine Wertschöpfung, die explodiert...

Täglich werden mehr als zwei Milliarden Tassen Kaffee konsumiert, was einen Jahresumsatz von rund 200 Milliarden US-Dollar ermöglicht. Die steigende Nachfrage nach Kaffee zeigt im Durchschnitt einen stetigen Aufwärtstrend von 2,5% pro Jahr, was insbesondere auf den Wachstumsmarkt der Kaffeekapseln und Kaffeepads zurückzuführen ist. Bereits heute machen diese 11% des weltweiten Kaffeeverkaufs aus. Diese Entwicklung spiegelt sich in einer wachsenden Marktkonzentration. Drei „Player“ dominieren derzeit den Kaffeemarkt (Nestle, JDE und Starbucks) und verzeichnen dabei Rekordgewinne. Innovation, Markenimage, spezifische Formate, spezialisierte Netzwerke spielen dabei eine wichtige Rolle.

Trotz einer enormen Wertschöpfung und wachsender Gewinne von Kaffeeherstellern fielen die Preise für die Kaffeebauern diesen Herbst unter die symbolische Grenze von 1 Dollar/Pfund. Unterhalb dieser Schmerzensgrenze haben lateinamerikanische Hersteller angefangen, den Verkauf ihres Kaffee zu verweigern.

... aber DIE Produzenten sind von den Vorteilen, zu denen sie selbst beitragen, ausgeschlossen

Das Einkommen von industriellen Akteuren und großen Marken wächst weiter, während die Einkommen der Kaffeeproduzenten stagnieren oder sogar noch sinken. Sie müssen außerdem die Konsequenzen einer nicht nachhaltigen Produktion erdulden, die sie selbst nicht verursacht haben: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Armut...

Die Situation wird umso schwieriger für die Produzenten, da ihre Produktionskosten steigen, während zur gleichen Zeit die Preise auf dem Weltmarkt fallen. So erhielten beispielsweise die peruanischen und äthiopischen Hersteller im Jahr 2017 ein um 20% geringeres Einkommen als noch vor zwölf Jahren und fielen damit weit unter die Armutsgrenze.

Merling Preza, Vizepräsident des lateinamerikanischen Fair Trade Producers Network (CLAC): " Es ist offensichtlich, dass Wege für eine bessere Verteilung in der Wertschöpfungskette existieren. Aber Unternehmen, die unter den derzeitigen Bedingungen weniger als 1 US-Dollar pro Pfund Kaffee zahlen, können nicht von nachhaltiger Entwicklung sprechen.“

Diese aussichtslose Situation lässt jegliche Arbeitsmoral auf ein neues Tief fallen. Weitere Konsequenzen sind zudem niedrigere Erträge wie auch gesunkene Produktqualität, die sich letztendlich auf den Kaffeepreis auswirken. Oftmals ist ein Abrutschen unter die Armutsgrenze die Folge, was dazu führt, dass der Beruf des Kaffeeproduzenten seine Attraktivität in vielen Regionen verliert und die jüngeren Generationen sich davon abwenden.

Familien, die Kaffee anbauen, leiden zudem oft an Problemen wie Unterernährung und einem hohen Grad an Analphabetismus; ihre Verarmung beschleunigt Phänomene wie Migration und Drogenhandel.

Zunehmende gesellschaftliche Auswirkungen, die durch den Klimawandel verstärkt werden

Diese Entwicklungen finden vor dem Hintergrund zunehmender Auswirkungen des Klimawandels auf die Kaffeeproduktion statt, insbesondere bei Arabica Kaffee: Die Erträge und die Erntequalität werden zunehmend zu Sorgenkindern, dies neben bereits steigenden Produktionskosten und sinkendem Einkommen der Produzenten. Laut einer externen Studie wären ohne gezielte Maßnahmen zur Begrenzung der Folgen des Klimawandels weltweit rund 50% der derzeit für den Kaffeeanbau genutzten Flächen bis 2050 als solche nicht mehr geeignet.

Ein weiterer besorgniserregender Trend ist der Anstieg der Umweltverschmutzung im Zusammenhang mit dem Einsatz chemischer Mittel, sowie die Abholzung der Wälder durch die Ausweitung des Kaffeeanbaus und der Intensivierung der landwirtschaftlichen Praktiken.

Alle diese wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen belasten die Volkswirtschaften der Produktionsländer: In Peru und Äthiopien hat beispielsweise im Jahr 2017 jeder Dollar, welcher in den Kaffeeexport floss, gesellschaftliche Kosten von 90 beziehungsweise 86 Cent verursacht, welche von den Ländern und der Bevölkerung getragen werden mussten („die sozialen Kosten“). Diese Ergebnisse belegen, dass ein Umdenken dringend erfolgen muss.

Somit erhalten diese Erzeugerländer im Durchschnitt nur 23% bis 27% des durch die Kaffee-Wertschöpfungskette geschaffenen Wertes, während sie zwischen 68% und 92% der mit dessen Ernte verbundenen gesellschaftlichen und ökologischen Kosten tragen müssen.

Fairer Handel: Ein Instrument, das funktioniert, aber nicht alleine den Herausforderungen bewältigen kann

Den Ergebnissen der Studie zufolge ist der faire Handel das erfolgreichste Alternativmodell zur Verbesserung der Nachhaltigkeit des Kaffeesektors sowie des Einkommens der Produzenten dank eines höheren Ertragspreises (+ 21% zum Beispiel in Peru). Die Studie zeigt, dass durch fairen Handel die „gesellschaftlichen“ Kosten im Vergleich zu herkömmlichem Kaffeehandel je nach Land um 15 bis 35% gesenkt werden konnten.

Die Stärkung der Produzentenkooperativen steigt ihren Anteil an der Wertschöpfung und verbessert zudem ihre Management- und Organisationsfähigkeiten.

Die Wirksamkeit hängt auch von den unter fairen Handelsbedingungen durch die Produzentenkooperativen verkauften Kaffeemengen ab, welche oft im Verhältnis zu deren Gesamtumsatz zu niedrig sind.

Die besten Ergebnisse der Studie werden derweil von einer Kombination des Fairtrade-Labels und der ökologischen Landwirtschaft erzielt. Die biologische Produktion von solch doppelt zertifizierten Erzeugerorganisationen - insbesondere in Peru und Kolumbien - entwickelt sich als Modell um die Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit zu garantieren und so dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Die Aktionsmaßnahmen für mehr Gerechtigkeit

Vor der wachsenden Kluft zwischen industriellen Akteuren, die immer reicher werden, und Produzenten, die zusehends verarmen, können wir nicht weiterhin die Augen verschließen.

Die Studie empfiehlt:

- eine wirksame Umsetzung der Sorgfaltspflicht (insbesondere bei der Zahlung angemessener Einkommen und Löhne) durch die Wirtschaftsakteure in dem Kaffeesektor. Dies gilt insbesondere für die drei erwähnten „Player“ und für die, die über die Einfluss auf ihre Erzeugervergütung haben.

- die Einrichtung einer Beobachtungsstelle für Kosten und Einkommensmargen durch die International Coffee Organization (ICO), wobei Transparenz die unabdingbare Voraussetzung für eine gerechtere Wertschöpfungsverteilung ist. Die Akteure des Sektors müssen sich zur Zahlung von Preisen verpflichten, welche angemessene Einkommen und Löhne für die Kaffeebauern gewährleisten.

- umfangreiche Forschungsprogramme im Bereich Agrarforstwirtschaft, um die Entwicklung der Produktionsmethoden bis hin zu mehr wirtschaftlicher und ökologischer Widerstandsfähigkeit beschleunigen und den Herausforderungen des Klimawandels kompetent zu begegnen.

Diese Maßnahmen müssen gleichzeitig umgesetzt werden, damit ein wirklich nachhaltiger Kaffeesektor entstehen kann.

Schließlich betont die Studie, dass fairer Handel unabdingbar ist, wenn keine Regulierung existiert die kleine Produzenten schützt, sei es gegen den Preisverfall oder skrupellose Zwischenhändler.

Noch nie war es für die Produzenten so wichtig, eine Umverteilung des erzeugten Wohlstandes herbeizuführen um in Würde leben zu können und um sich den wachsenden Auswirkungen des Klimawandels stellen zu können.

[1] CCAFS, Protected Shifts in Coffea Arabica Suitability, 2015

Thematische Bilder rund um den Kaffee herunterladen (Credit: Fairtrade Lëtzebuerg)

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