Handelsgerechtigkeit – der Schlüssel zur Stärkung der Klimaresistenz von Kleinbäuerinnen und -bauern

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Handelsgerechtigkeit – der Schlüssel zur Stärkung der Klimaresistenz von Kleinbäuerinnen und -bauern

von Fairtrade Lëtzebuerg

Grundsatzerklärung der internationalen Fairhandelsbewegung an die COP24

Die 24. UN-Klimakonferenz (COP 24), wird vom 3. bis 14. Dezember 2018 im polnischen Katowice stattfinden. Der aktuelle Sonderbericht „1,5 °C globale Erwärmung[1]“ des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) weist klar darauf hin, dass es keine physikalischen, chemischen oder technischen Hürden für die Erreichung des 1,5°C Ziels gibt, sondern es eines starken politischen Willens bedarf, um innerhalb dieses Rahmens zu bleiben. Die Zukunft unseres Planeten hängt nun stark von den politischen Entscheidungen ab, die im Verlauf der COP24 getroffen werden, und von deren unmittelbarer, ambitionierter und konsequenter Umsetzung noch in dieser Dekade. Jedes Jahr zählt, jede Entscheidung

Kleinbäuerinnen und -bauern, vor allem diejenigen, die weniger als zwei Hektar Anbaufläche bewirtschaften, stellen einen wesentlichen Bestandteil unserer globalen Lebensmittelversorgung und des weltweiten Landwirtschaftssystems dar. Über 500 Millionen Kleinbauernfamilien liefern mehr als 80 Prozent der Nahrungsmittel für den Globalen Süden, und tragen so deutlich zur Reduzierung von Armut und zur weltweiten Ernährungssicherheit bei. Dennoch sind sie selbst in überproportionalem Maße von Armut und Hunger bedroht und den Auswirkungen des Klimawandels mit am stärksten ausgesetzt.

Als breite Bewegung aus Fairhandelsorganisationen, ehrenamtlich Engagierten, Wissenschaft, Fairhandelsunternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern, die sich für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit einsetzen, sind wir sehr besorgt über die negativen Effekte, die der Klimawandel für Kleinbäuerinnen und -bauern und kleine Handwerksbetriebe auf der ganzen Welt hat. Ökonomische und soziale Ungleichheiten und Klimawandel sind untrennbar miteinander verbunden – ebenso wie ihre Lösungen.

Deshalb fordern wir die Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention[2] dringend dazu auf, die Grundsätze des fairen Handels und faire Handelspraktiken als essenziellen Bestandteil von Strategien zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel anzuerkennen. Transparenz und verbindliche internationale Vorschriften für globale Wertschöpfungsketten sind dringend nötig!

Wie der Klimawandel vulnerable Bevölkerungsgruppen in ländlichen Gebieten trifft

Kleinbäuerinnen und -bauern und Dorfgemeinschaften auf der ganzen Welt leiden unter den katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels. Dazu gehören u.a. extreme Dürren, Überschwemmungen, Regenausfälle, Wüstenbildung, Bodenversalzung, Wasserknappheit, kürzere Erntezeiten, die Verlagerung von Anbaugebieten, Pflanzenkrankheiten und Insektenbefall. Produktionsverluste, geringere Qualität von Ernten und höhere Produktionskosten gefährden Ernährungssicherheit und -souveränität sowie die Lebensgrundlage ganzer ländlicher Gemeinschaften, sie befeuern Migration aus ländlichen Gebieten, in die Städte und ins Ausland, und erhöhen die Sorgelast für Frauen und Mädchen.

Um ihre Ernten angesichts klimabedingter Epidemien zu schützen und die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen abzudämpfen, sind Kleinbäuerinnen und -bauern gezwungen, auf kurzfristige Notlösungen wie die intensivere Verwendung chemischer Hilfsmittel zurückzugreifen. Dies erhöht nicht nur ihre Produktionskosten, auch Gesundheit und Umwelt zahlen einen hohen Preis, z.B. in Form von Wasserverschmutzung, Entwaldung oder negativen gesundheitlichen Folgen. Diese kurzfristigen Bewältigungsmechanismen verstärken sogar noch die negativen Auswirkungen des Klimawandels für arme und marginalisierte Bevölkerungsgruppen in ländlichen Gebieten

Die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels setzen die Zukunft landwirtschaftlicher und handwerklicher Lieferketten aufs Spiel, indem sie hauptsächlich diejenigen treffen, die zugleich am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben: kleinbäuerliche Betriebe und die Landbevölkerung im Globalen Süden. Das internationale Wirtschaftssystem ist von Preisschwankungen, Preisdruck und ungerechte Handelspraktiken stark geprägt. In diesem Kontext stellt die Anpassung von Produktion und Handelspraktiken an immer häufigere, intensivere und weniger berechenbare Klimaextreme eine extreme Herausforderung für alle Beteiligten entlang der globalen Lieferkette dar.

Handelsgerechtigkeit ist daher ein wichtiger Schritt, um Klimagerechtigkeit zu erreichen, indem die Bedürfnisse von Kleinbäuerinnen und -bauern Priorität erhalten und die erhöhten Risiken berücksichtigt werden, denen diese ausgesetzt sind.

Der Beitrag des Fairen Handels zu Klimagerechtigkeit und zu den UN-Nachhaltigkeitszielen

Die UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) greifen viele der Prinzipien und Forderungen auf, die seit jeher Kernelemente der Fairhandelsbewegung sind; insbesondere die Ziele 1, 2, 5, 8, 10, 12, 13, 15, 16 und 17. Über die letzten Dekaden hat sich gezeigt, wie transformativ, innovativ und ganzheitlich dieses Handelsmodell ist, das nachhaltige Entwicklung und die Reduzierung von Armut über folgende Methoden erreicht:

  • Stärkung von Kleinbäuerinnen und -bauern, so dass diese einen gerechteren Anteil an globalen Wertschöpfungsketten erhalten und ihren Zugang zu Finanzmitteln und Fachwissen verbessern, damit sie stabile Produktionsmethoden entwickeln und anwenden können;
  • Förderung klimafreundlicher Anbaumethoden mittels einer Prämie für Bio-Produktion und empfohlener Umweltschutzmaßnahmen;
  • Stärkung der Verhandlungsposition von Produzentinnen und Produzenten sowie und Arbeitskräften, Erweiterung ihrer persönlichen und kollektiven Selbstbestimmung für eine Verbesserung des Machtgleichgewichts in Lieferketten.

Durch die Kombination sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Aspekte trägt der Faire Handel zu mehr Klimaresistenz in globalen Lieferketten bei. Allerdings kann der Faire Handel unmöglich allein den Herausforderungen des Klimawandels und dem extremen Machtgefälle in Wertschöpfungsketten entgegenwirken; unser aktuelles Weltwirtschaftssystem muss dringend transformiert werden.

Die internationale Fairhandelsbewegung ruft die Vertragsstaaten der UNFCCC auf der COP24 dazu auf, aktiv zu werden:

  1. Führen Sie Mechanismen für mehr Transparenz, Anreizsysteme und verbindliche Vorschriften ein, die für privatwirtschaftliche Akteure gelten, um klimaresistente und gerechte Lieferketten aufzubauen und zu gewährleisten, dass internationale Konzerne ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen, z.B. durch faire Preise in der gesamten Lieferkette, die einen menschenwürdigen Lebensunterhalt ermöglichen und die Kosten nachhaltiger Produktion für Kleinbäuerinnen und -bauern decken;
  2. Unterstützen Sie Kleinbauernfamilien und benachteiligte Bevölkerungsgruppen über finanzielle Mittel, Fortbildungen und fachkundige Beratungen, die gezielt auf die Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und -bauern ausgerichtet ist, damit diese sich gegen die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels wappnen, von Klimaschocks erholen und ihre Lebensgrundlagen wiederherstellen können, sowie für einen effektiven Klimaschutz und wirksame Anpassungsstrategien;
  3. Fördern Sie Mechanismen für die Internalisierung von Kosten, die durch unfaire und klimaschädliche Wirtschaftsaktivitäten entstehen, und ermöglichen Sie Steueranreize für CO2-freie Agrarprodukte, z.B. über die Einführung einer CO2-Steuer;
  4. Stellen Sie sicher, dass internationale Konzerne, die in Ländern des Globalen Südens tätig sind, Steuern gemäß ihrer Größe und Aktivitäten vor Ort zahlen und Regierungen in die Entwicklung klimaresistenter Modelle investieren, die Kleinbäuerinnen und -bauern und vulnerablen Bevölkerungsgruppen zugutekommen;
  5. Investieren Sie in den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Gebieten in Agrarforschung und fördern Sie landwirtschaftliche Praktiken, die auf die Steigerung der Resilienz von Kleinbäuerinnen und -bauern ausgerichtet sind,

(z.B. Erhalt von Biodiversität und Forstwirtschaftsmodelle, die traditionelles Wissen und

Nahrungsmittelsouveränität respektieren).

Die zentrale Vision der internationalen Fairhandelsbewegung sieht Gerechtigkeit als das Herzstück wirtschaftlicher Beziehungen – dadurch, dass nicht Profite an erster Stelle stehen, sondern die Wertschätzung von Menschen und unsere Erde. Es bedarf starker Partnerschaften und Bündnisse, um das aktuelle Wirtschaftssystem zu verändern – ein System, das in seiner derzeitigen Form Ungleichheiten zwischen den Menschen aufrechterhält und die Umwelt immer weiter ausbeutet. Soll eine weltweite Antwort auf die Bedrohung durch den Klimawandel Erfolg haben, muss sie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung berücksichtigen. Entsprechend nötig ist es, gerechtere Lieferketten den Vorzug zu geben und zu gewährleisten, dass kleinbäuerliche Erzeuger/innen und alle Beteiligten entlang globaler Lieferketten Zugang zu den nötigen finanziellen und technischen Mitteln haben, um eine klimaresistente Produktion und einen klimaresistenten Handel zu etablieren.

 

[1] Vollständiger Titel: "1,5 °C globale Erwärmung - Der IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C gegenüber vorindustriellem Niveau und die damit verbundenen globalen Treibhausgasemissionspfade im Zusammenhang mit einer Stärkung der weltweiten Reaktion auf die Bedrohung durch den Klimawandel, nachhaltiger Entwicklung und Bemühungen zur Beseitigung von Armut.", https://www.de-ipcc.de/256.php

[2] United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC

Das Positionspapier herunterladen

German_Policy_Statement_COP24 (855,6 KiB)

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